Mit Drogen die Seele heilen

XtraPsychoaktiva in der Psychotherapie – ein einführender Überblick

Foto: Linus Nylund via Unsplash

Text: Markus Berger

In aller Regel erklären zum Beispiel Suchtmediziner, dass „Drogen“ die Menschen krank machen. Wenn sie nicht in die körperliche Abhängigkeit oder durch Überdosierungen in die Klinik führen, dann lösen sie zumindest – so der allgemeine Tenor – psychische Erkrankungen und Symptome aus.

Diese Sicht ist sehr einseitig – die Definition dieser „Drogen“ stets schwammig und immer über einen Kamm scherend. Diese einseitige Sicht, die aus ideologischen Gründen die Psychoaktiva undifferenziert in einen Topf wirft (was purer Wahnsinn ist), unterschlägt, dass Therapeuten und Ärzte in der Lage sind, mit solchen „Drogen“ die Psyche von schwer erkrankten Menschen zu heilen. Wir beschäftigen uns im Folgenden mit den Psychedelika und Entaktogenen, die, bezogen auf ihre Pharmakologie und Phänomenologie, ganz eigene Familien innerhalb der psychoaktiven Substanzen ausmachen, die weder Sucht noch Abhängigkeit erzeugen und bei sachgemäßer Anwendung den Körper nicht behelligen und eben auch zur Heilung oder Linderung bzw. Verbesserung zahlreicher psychischer Krankheiten und Leiden verwendet werden können.

Im Buch „Therapie mit psychoaktiven Substanzen“ wird auf erhellende Weise dargelegt, wie die Beschäftigung mit heilenden Psychedelika gerechtfertigt wird: „Eine verantwortliche Therapie mit LSD, Psilocybin oder MDMA (sowie ähnlichen psychoaktiven Substanzen) ist möglich und gut begründbar. Dieses ‚Territorium‘ sollte therapeutisch, wissenschaftlich und kulturell neu – und es sollte kritisch besetzt werden. Eine solche Psychotherapie hat großes komplementärmedizinisches Potenzial. Die Substanz-unterstützte Psychotherapie (SPT) hat gute Voraussetzungen für einen solchen Neuanfang. Sie bietet originelle, therapeutisch vielversprechende, kulturell und philosophisch interessante Behandlungsansätze. Sie hat Protagonisten vorzuweisen, die sich mit den Standards der modernen Psychotherapie- und Arzneimittelforschung auseinandersetzen. Mehrere Hundert seriöse Publikationen aus den vergangenen fünf Jahrzehnten aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Psychotherapieforschung, Neurobiologie, Religionswissenschaft und Suchtmedizin legen ein Fundament für zukünftige, methodisch erneuerte Studien über ihre Wirksamkeit und die praktisch bedeutsamen Prozessmerkmale“ (Seite 21).

Unterstützungsmittel in der Psychotherapie kommen aus verschiedenen Stoffklassen psychoaktiver Moleküle, verwendbar sind zum Beispiel die Tryptamine LSD, Psilocybin/Psilocin sowie deren Analoga CEY 19 und CZ 74, DMT bzw. Ayahuasca/Pharmahuasca, 5-MeO-DMT, DPT (Dipropyltryptamin), 5-MeO-DALT und Ibogain, aber auch Phenylethylamine, wie beispielsweise Meskalin, MDMA, MDA und Verwandte, MDMC (Methylon), Ephedrin, die 2C-x-Derivate und viele andere, sowie Substanzen aus unterschiedlichen Stoffklassen, zum Beispiel Dissoziativa wie Lachgas und Ketamin, und sogar der Fliegenpilz bzw. dessen psychoaktiver Wirkstoff Muscimol kann potenziell Verwendung finden.

Es liegt in der Hand des Therapeuten, diese Substanzen sinnvoll in das Therapiegeschehen einzubringen, was möglich ist und immer wieder unter Beweis gestellt wird, zum Beispiel durch den Schweizer Arzt und Psychiater Peter Gasser (Solothurn), der eine offizielle LSD-Studie mit zwölf sterbenskranken Probanden durchführte.

Claudia Möckel Graber ist psychotherapeutische Heilpraktikern und schreibt in ihrem Buch „Eintritt in heilende Bewusstseinszustände“ (Nachtschatten Verlag): „In ernsthaften Händen und in der richtigen Form genommen, sind Substanzen wie LSD, MDMA, Psilocybin oder Meskalin wirkungsvolle Heilmittel. Die Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen hat Tradition. Sie werden seit Jahrtausenden von Naturvölkern zu heiligen Zeremonien eingenommen. Für einen gewissen Zeitraum taucht der Ratsuchende in außerordentliche Bewusstseinsräume bzw. außergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ) ein und bringt von dort neue Einsichten in übergeordnete Zusammenhänge und heilbringende Antworten mit. Heutzutage werden substanzgestützte Sitzungen von Ärzten, ausgebildeten Therapeuten und privaten Usern durchgeführt. Dabei ist der Einsatz von psychotrop wirkenden Substanzen in einem geschützten Setting eine bisher erfolgreich ausgeübte – wenn auch umstrittene – Therapiemethode“ (Seite 13).

Insbesondere sogenannte terminale Patienten, also Menschen denen durch eine Krankheit, zum Beispiel Krebs oder Aids, der Tod bevorsteht, Patienten, die mit wie auch immer gearteten Abhängigkeitsproblemen zu kämpfen haben, sowie Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) wurden und werden im Rahmen Substanz-unterstützter Psychotherapie behandelt.

Beispiele für bereits lange etablierte und erprobte Therapieformen, die mit Psychedelika arbeiten, sind die psycholytische Therapie, die mit niedrigeren oder auch Mikrodosierungen der Moleküle auskommt, und die psychedelische Therapie, bei der in aller Regel recht hohe Dosierungen Psychedelika zur Hilfe genommen werden, um Blockaden zu lösen.

Die psycholytische Therapie ist eine Form substanzgestützter Psychotherapie, bei der mit moderaten Dosierungen psychedelischer und/oder empathogener und entaktogener Moleküle gearbeitet wird. Die Substanzen dienen hier unter anderem als Öffner zum Unterbewusstsein sowie als Herzöffner und Angstlöser – man kann in diesem Setting seine Probleme bestenfalls aus der Sicht eines Außenstehenden betrachten, was für Betroffene extrem hilfreich und nützlich sein kann – und bieten dem Patienten damit eine effektive Unterstützung zur Bewältigung des zu Verarbeitenden. Diese Form der Psychedelika-gestützten Therapie soll dabei insbesondere die eher langwierige und sich meist über Monate erstreckende Prozedur der psychoanalytischen Psychotherapie intensivieren und damit abkürzen. Der große Göttinger Psychotherapeut, Psychiater und Pionier der europäischen Psychedelikaforschung Hanscarl Leuner, der die psycholytische Therapie maßgeblich mitgeprägt hat und Initiator des interdisziplinären Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) war, erläutert in seinem Standardwerk zum Thema, „Halluzinogene“: „Die Forderung nach intensiveren und abkürzenden Verfahren (…) ist deshalb immer wieder erhoben worden. Das (…) allgemein bekannte Dilemma der klinischen Psychotherapie gab Anlass zu Versuchen, die tiefenpsychologische Therapie durch Halluzinogene zu intensivieren. Anfänge dieser Bemühungen gehen unter dem Begriff ‚psycholytische Therapie‘ bis in die erste Hälfte der 50er Jahre zurück. Dementsprechend liegen heute gut fundierte klinische Ergebnisse über diese Therapieform vor. (…) Zwei Wege voneinander unabhängig arbeitender Untersucher führten zur psycholytischen Therapie: a) Sandison u. Mitarb. (1954) fanden anlässlich von LSD-Versuchen bei neurotisch Kranken, dass diese eine spontane Besserung ihres Zustandes zeigten. b) Wir selbst stellten die Hypothese auf, dass die von uns entwickelte Tagtraumtechnik der Psychotherapie, das Katathyme Bilderleben (…), durch die Verwendung halluzinogener Drogen intensiviert und perpetuiert werden kann. Wir hatten bei den ersten Versuchen analoge Ergebnisse wie Sandison“ (Seite 224f.).

Lucys Xtra

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